Die Multiple Sklerose
(MS, Encephalomyelitis disseminata, ED) ist die häufigste neurologische
Erkrankung des jungen Erwachsenenalters. Die Erkrankung richtet sich gegen
Zellen des zentralen Nervensystems, das heißt Rückenmark und Gehirn. Im
folgenden erhalten Sie Informationen über die medikamentöse Therapie der
Multiple
n Sklerose, zur
Schubbehandlung, Schubprophylaxe und zur Behandlung einiger Symptome der
Multiple
n Sklerose.
Die folgenden Seiten
sollen und können die ärztliche Beratung nicht ersetzen. Die Beratung
hinsichtlich der Medikation unter Abwägung von Wirkung und potenziellen
Nebenwirkungen kann nur durch den behandelnden Arzt vorgenommen werden.
Multiple
Sklerose: Behandlung des Krankheitsschubes
Glucokortikoide („Kortison“)
Glucokortikoide hemmen die
Bildung und Ausschüttung von Substanzen, die Entzündungsreaktionen
vermitteln und auslösen. Sie unterdrücken die Aktivierung und die
Bereitschaft zur Wanderung von weißen Blutkörperchen. Bei hochdosierter Gabe
können Glukokortikoide zum Zelltod von weißen Blutkörperchen (Lymphozyten)
führen und tragen so zur schnelleren Rückbildung frischer Entzündungsherde
bei. Sie bewirken damit ein rascheres Abklingen des Schubes. Eine Auswirkung
auf die Gesamtprognose ist dabei aber bislang nicht belegt.
Glucokortikoide kommen bei
der Multiple
n Sklerose zum
Einsatz bei einer akuten schubförmigen Verschlechterung. In der Regel
erfolgt eine hochdosierte intravenöse Gabe von jeweils 500-1000 mg
Methylprednisolon oder Prednisolon für 3-5 Tage. Anschließend kann das
Medikament in absteigender Dosierung über weitere 10 Tage als Tablette
gegeben werden, hierbei handelt es sich um eine Einzelfallentscheidung.
Probatorisch können Glukokortikoide als Stoß-Therapie auch bei primär oder
sekundär chronisch-progredienten Verläufen der Multiple
n Sklerose
eingesetzt werden. Eine Indikation für eine Langzeit-Behandlung mit
Glukokortikoiden gibt es bei der Multiple
n Sklerose aber
nicht. Hohe Dosen der Medikamente werden kurzzeitig in der Regel gut
vertragen, schon niedrige Dosen über einen längeren Zeitraum bringen aber
die typischen Nebenwirkungen der Medikamentengruppe.
Schub-Prophylaxe bei Multipler Sklerose
Interferon-Beta
Auf dem Markt sind
Interferon-Beta-1b (Betaferon®) sowie Interferon-Beta-1a (Rebif®, Avonex®)
verfügbar. Die Medikamente wirken immunmodulierend, das heißt, sie greifen
verändernd in die Körperabwehr, das Immunsystem, ein. Sie sollten zum
Einsatz kommen bei Patienten mit schubförmigen Krankheitsverläufen mit
mindestens 2 Schüben während eines Zeitraumes von 2 Jahren. Die Patienten
sollten gehfähig sein. Nach den Studienergebnissen der letzten Jahre ist der
Einsatz auch schon nach dem ersten erkennbaren Schub bei Vorliegen der
McDonald-Kriterien (s.
www.sklerose-multiple.de) zu diskutieren. Studien konnten zeigen, dass
sich die Zeit bis zum Auftreten eines zweiten Schubes signifikant verlängern
ließ.
Betaferon® und Rebif® sind auch zugelassen für sekundär chronisch-progrediente Verlaufsformen.
Für primär chronisch-progrediente Verlaufsformen ist die Behandlung mit
Beta-Interferonen nicht zugelassen.
Initial treten bei Einsatz
des Interferon-beta häufig grippeähnliche Symptome auf, die nur bei einem
kleinen Teil der Patienten bestehen bleiben. Zu den meist vorübergehenden
Nebenwirkungen gehören auch vermehrte Ermüdbarkeit, Kopfschmerzen,
allgemeines Krankheitsgefühl und Muskelschmerzen. Diese Nebenwirkungen
treten meist 4-12 Stunden nach der Injektion auf und können durch die Gabe
von sogenannten nichtsteroidalen Antiphlogistika (z. B. Ibuprofen oder
Paracetamol) deutlich gemildert werden. Entzündungen an der Einstichstelle
kommen vor allem bei Verabreichung unter der Haut (subkutan) vor. Es ist
darauf zu achten, dass an der Nadel beim Einstich kein Tropfen des
Interferon-beta hängt. Bei 1-3% der Anwender kam es unter Interferon-Beta-1B
sogar zu schwereren lokalen Hautveränderungen. Zur Verbesserung der
Verträglichkeit wird das kurze Auflegen einer Kühlpackung vor und nach der
Injektion sowie ein Anwärmen der Injektionslösung auf die Körpertemperatur
empfohlen. Außerdem ist auf korrekte Injektionstechnik zu achten. Hierzu
wird von den Herstellerfirmen reichhaltiges Informationsmaterial geliefert.
Auf das Auftreten
depressiver Symptome unter Behandlung mit Beta-Interferonen muss besonders
geachtet werden. Eine spastische Tonuserhöhung der Extremitäten kann nach
der Injektion vorübergehend jeweils zunehmen. Auch sind Kontrollen des
Blutbildes nötig, da es zu einer Verminderung der Zahl der weißen Blutzellen
kommen kann, zu einer sogenannten Leukopenie.
Die Dauer bis zur vollen
Wirksamkeit der Interferone beträgt etwa 6 bis 8 Wochen.
Copolymer-1 (Glatiramerazetat,
Copaxone®)
Das Medikament wurde
bereits in den 70er Jahren entwickelt und ist seit 2001 als Copaxone® auf dem Markt. Zugelassen ist es für die schubförmige
Verlaufsform der Multiplen Sklerose. Die Wirksamkeit scheint dabei nach den
vorliegenden Studien der der beta-Interferone zu entsprechen.
Durch eine Blockade von
Bindungsstellen für basisches Myelinprotein (MBP) können spezifische
Entzündungszellen (T-Zellen), die gegen MBP gerichtet sind, nicht aktiviert
werde. Das Medikament wird unter die Haut (subkutan) injiziert. Es kommt im
Verlauf zu einer Abnahme der Schubhäufigkeit.
Nebenwirkungen von
Copolymer-1 können lokale Reaktionen an der Einstichstelle sein.
Gelegentlich treten dramatisch erscheinende „systemische
Postinjektionsreaktionen“ auf, mit Luftnot und Herzrasen. Diese hielten
zwischen 30 Sekunden und 30 Minuten an und klangen in allen Fällen ohne
Folge ab. Maximal 7 derartiger Zustände wurden bei einzelnen Patienten
beschrieben.
Als Dauer bis zur vollen
Wirksamkeit des Copaxone®
wird ein Zeitraum von 8 bis 12 Wochen angenommen.
Mitoxantron (Ralenova®)
Bei schweren Multiple
Sklerose -Verläufen ohne ausreichenden Therapieerfolg bei sekundär
chronisch-progredientem Verlauf ist der Einsatz von Mitoxantron seit Ende
2002 in Deutschland zugelassen. Es wird alle drei Monate intravenös
eingesetzt in einer Dosis von 12 mg/ m2
Körperoberfläche. Das Hauptproblem des Medikamentes liegt in seiner
schädigenden Wirkung auf die Herzmuskulatur, die deutlich ansteigt, wenn
eine Gesamtdosis von etwa 100 mg/m2
Körperoberfläche überschritten wird. Deshalb sind echokardiographische
Kontrollen (Ultraschall des Herzens) vor Therapie -Beginn und dann jährlich
während der Behandlung notwendig. Zugelassen ist die Behandlung bis zu einer
Gesamtdosis von 100 mg/ m2,
im Einzelfall kann durch den behandelnden Arzt unter strenger
Nutzen-Risiko-Abwägung
und gleichzeitiger Überwachung der Herzfunktion
die maximale über die Zeit eingesetzte Gesamtdosis auf maximal 140 mg/m2
gegeben werden. Als weitere Nebenwirkungen können unter anderem Übelkeit und
Erbrechen sowie vermehrte Infekte und Blutbildveränderungen auftreten.
Natalizumab (Tysabri®)
Die Europäische
Zulassungsbehörde (EMEA) hat das Natalizumab im Juni 2006 zur Behandlung der
hochaktiven, schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose zugelassen. Das
Medikament wird bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz
Beta-Interferon-Therapie oder bei Patienten mit rasch fortschreitender
schubförmig verlaufender MS eingesetzt, um eine Verzögerung des
Fortschreitens der Behinderungen und Verringerung der Schubhäufigkeit zu
erreichen.
Bei Natalizumab handelt
es sich um einen sogenannten monoklonalen Antikörper. Antikörper sind
Bestandteile, Eiweißkörper des Immunsystems. Sie sind ganz speziell gegen
bestimmte Eiweißstrukturen gerichtet. Dieser Antikörper, Natalizumab ist
gegen a4-Integrin
gerichtet. Er verhindert das Andocken von Zellen des Immunsystems, von
Lymphozyten, an die und damit auch Überschreiten der Blut-Hirn-Schranke.
Dadurch soll die Bildung neuer Entzündungsherde im zentralen Nervensystem,
dem Gehirn und dem Rückenmark verhindert werden.
In Untersuchungen zeigte Natalizumab eine Minderung der Schubrate, eine
Reduktion des Fortschreitens der Behinderung und der Entzündungsaktivität in
der Kernspintomographie.
Die Verträglichkeit der Substanz insgesamt wird als gut eingeschätzt,
schwerwiegende Nebenwirkungen traten in der Therapiestudie, bei der
Natalizumab alleine eingesetzt wurde, nicht auf. Allerdings kam es in
bislang 2 Fällen von MS-Patienten, die neben der Natalizumab-Therapie Avonex®
erhielten,
zum Auftreten einer so genannten progressiven multifokalen
Leukenzephalopathie (PML), einer virusbedingten Erkrankung des Gehirns, die
zum Tode führt. Ein weiterer Fall war bei einem Patienten mit einer
chronisch entzündlichen Erkrankung des Darms, des Morbus Crohn, festgestellt
worden. Deshalb war die Zulassung des Medikaments vorübergehend
zurückgezogen worden. Da über 3000 Patienten mit Natalizumab in Studien
behandelt wurden, nur bei den genannten drei Personen die PML auftrat, wird
von einer Häufigkeit von 1:1000 bei einer mittleren Behandlungszeit von
knapp 18 Monaten ausgegangen.
Natalizumab ist jetzt
für die Monotherapie zugelassen. Es darf also nicht in Kombination mit
anderen immunmodulierenden oder immunsuppressiven Medikamenten gegeben
werden. Auch Patienten mit bösartigen Tumoren sowie immungeschwächte
Personen dürfen Natalizumab nicht erhalten. Nach Gabe von Mitoxantron,
Azathioprin oder Cyclophosphamid sollte eine gewisse Wartezeit eingehalten
werden, damit sich das Immunsystem erholen kann, derzeit wird eine Wartezeit
von 3 Monaten empfohlen. Die Zulassung besteht für Patienten mit hoher
Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit einem Interferon-beta-Präparat oder
Glatirameracetat oder für unbehandelte Patienten mit einer rasch
fortschreitenden schubförmigen Verlaufsform mit mindestens zwei schweren
Schüben pro Jahr. Natalizumab wird einmal monatlich über eine Infusion
verabreicht.
Therapie -
Multiple Sklerose: Andere Medikamente zur Schubprophylaxe
Intravenös zu
verabreichende Immunglobuline werden
derzeit auf ihre Wirksamkeit bei Multiple
r Sklerose untersucht, die bisherigen Untersuchungen weisen auf eine
Verminderung der Schubrate und des Auftretens neuer Herde in der
Kernspintomographie (MRT). Zugelassen sind sie bei der Multiple
n Sklerose aber
bislang nicht.
Azathioprin
(Imurek®) wurde seit Ende der 60er Jahre bei Multiple
r Sklerose
eingesetzt. Es kommt zu einer Verringerung der Schübe, wahrscheinlich
geringer als bei Interferonen. Patienten, die mit Azathioprin ausreichend
eingestellt sind und eine ausreichende Schubprophylaxe dadurch haben, müssen
nicht auf Interferon umgestellt werden. Regelmäßige Kontrollen von
Differentialblutbild und Leberwerten sind notwendig, zunächst wöchentlich,
später monatlich. Zielwerte sind bei Azathioprin Lymphozyten zwischen 600
und 1200/mm3
bzw.
Leukozyten unter 3500/ mm3. Die Azathioprin- Therapie wird zunächst mit einer
Standarddosis von 2,5 mg/kg Körpergewicht begonnen, wobei die Tagesdosis in
2 oder 3 Einzeldosen eingenommen wird.
Grundsätzlich besteht unter
Azathioprin ein leicht erhöhtes Risiko für die Entstehung von Tumoren. Eine
kürzlich publizierte Langzeitbeobachtung an Patienten mit Multiple Sklerose
konnte zeigen, dass selbst nach 10-jähriger Therapie mit Azathioprin das
Tumorrisiko aber nicht signifikant gegenüber der Normalbevölkerung erhöht
ist. Während der Gabe von Azathioprin muss aber eine sichere Verhütung
gewährleistet sein!
Methotrexat
kann 1x/Woche gegeben als relativ gut verträgliche Therapie bei sekundär
chronisch-progredienter Multipler Sklerose angesehen werden. Dies kann nur
in Einzelfallentscheidung erfolgen, eine Zulassung existiert dafür derzeit
nicht.
Fingolimod (FTY720)
ist eine Substanz, die
sich noch in der Studienphase befindet. Interessant ist dabei, dass eine
Aufnahme als Tablette oder Kapsel möglich ist. Durch die Substanz werden
S1P-Rezeptoren (Sphingolipid-1-Phosphat-Rezeptoren) auf T-Lymphozyten
moduliert. Diese sind notwendig, damit die aktivierten T-Lymphozyten
Lymphknoten verlassen können. Bei der Passage von Lymphknoten werden sie
dort zurückgehalten. 281 Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose
wurden in der europäisch-kanadischen Studie untersucht. Innerhalb von sechs
Monaten erlitten in der Placebo-Gruppe 34% der Patienten einen
Krankheitsschub, in der mit Fingolimod behandelten Gruppe 24% der Patienten.
Der Therapieeffekt war anhand monatlich durchgeführter
Magnetresonanz-Tomographie-Untersuchungen (MRT) beurteilt worden. In den
Behandlungsgruppen war die Zahl der Kontrastmittel anreichernden Herde im
Vergleich zu der Placebogruppe signifikant vermindert. Eine weitere große
Studie wird derzeit durchgeführt.
Sie trägt
den Namen „FREEDOMS“ für „FTY720 Research Evaluating Effects of Daily Oral
Therapy in Multiple Sclerosis“.
Etwa 2000 Patienten
werden hieran weltweit teilnehmen. In einer amerikanischen Studie wird die
Wirksamkeit von Fingolimod gegenüber Interferon beta-1a verglichen. Nach den
Studien werden die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Substanz besser
beurteilbar sein.
Eine ausführliche
Darstellung der aktuellen Therapieempfehlungen
der Multiple Sklerose Therapie Konsensusgruppe (MSTKG) vom
September 2006 zur immunmodulatorischen Stufentherapie können Sie von der
Internet-Seite der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft herunterladen:
http://www.dmsg.de/dokumentearchiv/immunmodulatorische_stufentherapie_stand_september_2006.pdf
Multiple Sklerose: Symptomatische medikamentöse Therapie
Obwohl die Multiple
Sklerose in etwa 30% ohne wesentliche Behinderung der Patienten auch nach
Jahrzehnten abläuft, treten bei ca. 30-40% der Patienten klinisch relevante
Behinderungen wie schwere motorische Ausfälle, Ataxie und Spastik sowie
Blasenentleerungsstörungen auf. Diese Symptome sind teilweise durch
medikamentöse Behandlung zu bessern.
Therapie -
Spastische Tonuserhöhung
Eine unwillkürliche
vermehrte Anspannung der Muskulatur ist Ausdruck einer Spastik. Diese
Steifigkeit kann die Beweglichkeit der betroffenen Muskeln erheblich
beeinträchtigen. Ist sie sehr ausgeprägt, kann auch die Pflege des schwer
betroffenen Patienten dadurch behindert werden. An den Armen führt die
Spastik meist zu einer Beugung, an den Beinen meist zu einer Streckung.
Medikament der ersten Wahl
ist Baclofen (z.B. Lioresal®). Typischerweise wird mit 2-3 x 5 mg als Tagesdosis
begonnen. Es kann stufenweise bis zu einer Tagesdosis von ca. 80 mg
gesteigert. Die individuelle Höchstdosis richtet sich nach Nebenwirkungen
und Effekt an der spastisch gestörten Extremität. Zu beachten ist, dass es
bei schwerer betroffenen Patienten durch die Abnahme der Spastik zu einer
Zunahme der funktionellen Schwäche kommen kann mit daraus resultierender
Verschlechterung beispielsweise der Steh- oder Gehfähigkeit, hierauf ist
gezielt zu achten.
Ebenso kann
Tizanidin (z.B. Sirdalud®) eingesetzt werden, beginnend mit 2 mg zur Nacht.
Hier ist die blutdrucksenkende Wirkung des Medikamentes zu beachten! Auch
hierunter kann es zu einer Zunahme von Schwächen kommen!
Behindert eine
spastische Tonuserhöhung bestimmte umschriebene Funktionen, kann ergänzend
der gezielte Einsatz von Botulinum-Toxin
erwogen werden. Beispielsweise kann bei entsprechender Störung die Injektion
des Toxins in den Wadenmuskel zu einer nachhaltigen Verbesserung des
Gangbildes mit physiologischerem Abrollen führen. Botulinum-Toxin ist ein
Gift, das zu einer Zerstörung der Kontaktstelle von Nerv zum Muskel, in den
es injiziert wurde, führt. Dadurch wird der Muskel gezielt geschwächt. Der
spastische Zug wird dadurch gemindert. Nach etwa einem Vierteljahr bildet
sich die Kontaktstelle wieder neu, so dass die Wirkung des Medikaments
verschwindet und die Injektion zu wiederholen ist.
Ist eine ausreichende
Minderung insbesondere einer Spastik im Bereich beider Beine (Paraspastik)
nicht möglich, ist die Gabe von Baclofen über eine Medikamentenpumpe in das
Nervenwasser (intrathekal) zu diskutieren. Bevor die Pumpe implantiert wird,
wird eine Testdosis von 40-80 µg in den Nervenwasserkanal im
Lendenwirbelbereich gegeben, wobei innerhalb von wenigen Stunden der Effekt
zu beobachten und anhand einer definierten Skala (Ashworth-Skala) zu
beurteilen ist.
Therapie -
Kleinhirn-Störungen
Ataxie (Störungen der
Zielbewegungen) und Intentionstremor (Zittern bei Zielbewegungen) gehören zu
den mit am stärksten behindernden Symptomen für Patienten mit Multiple
r Sklerose. Es gibt
mehrere symptomatische Therapie -Maßnahmen, deren Nutzen für den einzelnen
Patienten nur im Rahmen eines Therapie -Versuchs ermittelt werden kann.
Ingesamt ist der Einfluss durch Medikamente auf die Ataxie oder Tremor aber
meist enttäuschend. Gute Effekte erbrachte dagegen die
Tiefenhirnstimulation. Es werden stereotaktisch Stimulationselektroden im
Thalamus implantiert.
Therapie -
Schmerzen und sensible Missempfindungen
Typische akute
Schmerzsyndrome sind die
Trigeminusneuralgie (kurzdauernde heftig einschießende Schmerzen im
Gesichtsbereich) und plötzlich auftretende brennende
Schmerzen in den Extremitäten. Therapie -Versuche sind diesbezüglich mit
membranstabilisierenden Medikamenten, die auch bei der Epilepsie eingesetzt
werden, wie Carbamazepin (z.B. Tegretal®), Gabapentin (z.B. Neurontin®) oder Pregabalin (Lyrica®) sinnvoll. Des weiteren kommen vor allem bestimmte Antidepressiva
gewinnbringend zum Einsatz, vornehmlich Amitriptylin (z.B. Saroten®). Ziel ist es dabei nicht, über die
depressionslösende Wirkung einen Effekt zu erreichen. Antidepressiva wie
Amitriptylin stärken die Wirksamkeit körpereigener schmerzhemmender Systeme,
unabhängig vom eventuellen Vorliegen einer Depression.
Schmerzen können aber auch
als indirekte Folge der Multiplen Sklerose auftreten. So kann es zu Gelenk-,
Rücken- und Muskelschmerzen kommen als Folge der Fehlhaltung bei
Bewegungsstörungen. Auch kann die spastische Tonuserhöhung zu Schmerzen der
Muskulatur führen. Immer muss versucht werden, die Schmerzursache zu
ermitteln und gezielt zu behandeln. In therapeutischer Hinsicht ist in der
Regel bei diesen Schmerzarten die Krankengymnastik die zentrale
Behandlungsform. Lokale Wärme oder Elektrotherapie zur Lockerung der
Muskulatur sind oft sinnvoll. Ist die Spastik das führende Problem, welches
zu den Schmerzen führt, sind die oben bei dieser Thematik beschriebenen
Medikamente einzusetzen. Bei Gelenk- und Rückenschmerzen können zudem
Schmerzmittel wie beispielsweise Diclofenac (z.B. Voltaren®)
oder Ibuprofen notwendig sein. Welches Schmerzmittel notwendig ist, im
Einzelfall bis hin zum Opioid, muss aber mit dem behandelnden Arzt
abgesprochen werden. Muskelrelaxantien, also Medikamente, die die
Muskelanspannung reduzieren, können gegebenenfalls ebenfalls indiziert sein
wie z.B. Flupirtin (z.B. Katadolon®).
Natürlich sind auch die
sonst in der Schmerztherapie zur Verfügung stehenden Maßnahmen wie
Entspannungstechniken (Autogenes Training,
Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson) u. a. sinnvoll und müssen
mit genutzt werden.
Therapie -
Blasenstörungen und Sexualfunktionsstörungen
Typische Beschwerden von
Multiple Sklerose -Patienten mit Blasenstörungen sind plötzlich auftretender
Harndrang, Dranginkontinenz oder auch die verzögerte Blasenentleerung und
Harnverhalt.
Vor einer Medikation ist
eine Restharnsonographie, eventuell auch eine urologische Untersuchung
notwendig. Liegt der Restharn unter 100 ml, bestehen aber eine sehr häufige
Blasenentleerung oder Inkontinenz, können Medikamente eingesetzt werden, die
den Blasenverschluss verstärken oder den Blasenmuskel (Detrusor), der für
die Austreibung des Urins verantwortlich ist, schwächen, wie Tolterodin (Detrusitol®) oder auch Imipramin. Liegen ein vermehrter Restharn
und eine Koordinationsstörung von Verschluss-Muskel und Blasenmuskel vor,
eine sogenannte Sphinkter-detrusor-Dysynergie, kann Phenoxybenzamin (Dibenzyran®) eingesetzt werden.
In einigen Fällen mit
schwerer Blasenstörung und insbesondere chronisch erhöhtem Restharnvolumen
ist eine externe Harnableitung notwendig, z. B. über einen Blasenkatheter.
Dieser kann kurzfristig durch die Harnröhre oder zur längerfristigen Anlage
durch die Bauchdecke (suprapubischer Dauerkatheter) eingebracht werden.
Besser ist aber bei Patienten, die eine volle Funktionsfähigkeit ihrer Arme
besitzen, die mehrfach tägliche Selbstkatheterisierung.
Einfache Harnwegsinfekte
können ohne Resistenzbestimmung mit einem Breitbandantibiotikum wie
Cotrimoxazol behandelt werden. Bei rezidivierenden Harnwegsinfekten ist eine
antibiotische Behandlung nach Resistenzbestimmung anzustreben. Die
Ansäuerung des Harns durch Methionin (z.B. Acimethin®,
3 x 1000 mg) oder Preiselbeerzubereitungen kann die Häufigkeit von
Harnwegsinfekten vermindern. Weil diese Substanzen nicht
verschreibungspflichtig sind, besteht keine Kostenübernahme-verpflichtung
durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die langfristige und prophylaktische
Antibiotikagabe ist umstritten. Bei Nitrofurantoin ist zusätzlich noch das
Risiko der Entwicklung einer Polyneuropathie zu berücksichtigen.
Eine sexuelle
Funktionsstörung bei Multiple Sklerose -Patienten kann auf verschiedenen
Grundlagen beruhen. Dazu zählen sensible Störungen im Bereich der
Genitalregion, die eine adäquate sensorische Stimulation verhindern, aber
auch eine Unterbrechung der Reflexbögen, die z.B. die Erektion bewirken.
Grundsätzlich sollte bei Patienten mit Potenzstörungen eine urologische
Vorstellung erfolgen. In einer im Jahre 1999 abgeschlossenen Studie konnte
bei männlichen Multiple Sklerose -Patienten mit Erektionsstörungen im Rahmen
von Herden im Rückenmark in über 80% eine funktionell befriedigende Wirkung
durch Sildenafil (Viagra®) in einer Dosis zwischen 25 und 100 mg erreicht
werden.
Therapie -
Fatigue (= allgemeine Schwäche)
Oft wird von Multiple
Sklerose -Patienten eine allgemeine Schwäche, fehlende Ausdauer,
Abgeschlagenheit und fehlende Belastbarkeit geschildert. Es wird geschätzt,
dass 75 bis 90% aller MS-Patienten unter dieser Symptomatik leiden. Die
Beschwerden werden meist erst auf spezielle Nachfrage angegeben. Von 10 bis
20% der Patienten wird die Fatigue als schlimmstes Symptom benannt.
Die Beschwerden sind vor
der Annahme einer Fatigue gegenüber einem depressiven Syndrom abzugrenzen,
da dies eine andere Behandlung erfordert.
Seit langem bewährt ist bei
der Fatigue Amantadin (z.B. PK-Merz®), z.B. in einer Dosis von morgens und mittags je 100 mg. Mehrere Studien
stützen den Einsatz des Medikamentes bei Multiple
r Sklerose.
Der Einsatz von
4-Aminopyridin und 3,4-Diaminopyridin ist dagegen wegen der Nebenwirkungen
weiterhin umstritten. Modafinil (Vigil®)
zeigte sich in einer Studie als wirksam. Zugelassen ist Modafinil aber in
dieser Indikation nicht.
Therapie -
Depressive Störungen
Oft werden depressive
Störungen beobachtet. Je nach Schwere und Ursache der Störung kann eine
medikamentöse Behandlung notwendig werden. Heute gibt es ein breites
Spektrum an Antidepressiva. Bevorzugt wird behandelt mit einem nicht
sedierenden Antidepressivum, z.B. einem selektiven
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (z.B. Sertralin, Citalopram).
Therapie
– Kühlwesten
Wie auf der Seite
www.sklerose-multiple.de beschrieben ist das Uhthoff-Phänomen häufig bei
Patienten mit einer Multiplen Sklerose zu beobachten. Es beruht auf einer
Wärmeintoleranz, durch Wärme kommt es zu einer Verschlechterung von
Symptomen, zu verstärkter Schwäche und Erschöpfbarkeit. Dies kann
in der warmen Jahreszeit zu erheblichen Einschränkungen führen.
In verschiedenen
Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass z.B. durch Kühlwesten eine
Stabilisierung und Funktionsverbesserung erreicht werden können. Deshalb stellen
solche Hilfsmittel eine Erweiterung des Therapiespektrums für MS-Patienten
dar, die unter erhöhter Wärmeempfindlichkeit leiden. In einer Stellungnahme
der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG,
www.dmsg.de), deren vollständigen Text sie
hier herunterladen können, wird ausgeführt: „diese
Kühlungsmaßnahmen leicht durchführbar, nebenwirkungsfrei und relativ
kostengünstig (der Listenpreis beträgt derzeit für eine Kühlweste € 175,-,
für den Nackenumschlag € 29,95 und für das Nacken-/Stirnband € 13,95). Von
diesen medizinisch sinnvollen Kühlprodukten, die von einer Firma mit Sitz in
Deutschland vertrieben werden, sind die von einer unseriösen Organisation
(„MSI“) versprochenen, hochpreisigen (angeblich mehr als € 800,-) und nicht
verfügbaren „Kühlaggregate“ mit aufwändiger Kühlapparatur abzugrenzen, deren
Einsatz nicht empfohlen werden kann“.