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Informationen zu Krankheiten
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Die medikamentöse Therapie
bei Multiple Sklerose
 

von Dr. med. Carsten Schröter    


Weitere Informationen erhalten Sie über die Multiple Sklerose unter den folgenden Internet-Seiten:

Zur Einführung: www.sklerose-multiple.de
Zur Diagnostik:
www.sklerose-multiple.de/Diagnostik

Zur Rehabilitation: www.sklerose-multiple.de/Rehabilitation

Therapie - Multiple Sklerose – Einleitung   

Die Multiple Sklerose (MS, Encephalomyelitis disseminata, ED) ist die häufigste neurologische Erkrankung des jungen Erwachsenenalters. Die Erkrankung richtet sich gegen Zellen des zentralen Nervensystems, das heißt Rückenmark und Gehirn. Im folgenden erhalten Sie Informationen über die medikamentöse Therapie der Multiple n Sklerose, zur Schubbehandlung, Schubprophylaxe und zur Behandlung einiger Symptome der Multiple n Sklerose.

Die folgenden Seiten sollen und können die ärztliche Beratung nicht ersetzen. Die Beratung hinsichtlich der Medikation unter Abwägung von Wirkung und potenziellen Nebenwirkungen kann nur durch den behandelnden Arzt vorgenommen werden.  

Multiple Sklerose: Behandlung des Krankheitsschubes  

 

Glucokortikoide („Kortison“)

Glucokortikoide hemmen die Bildung und Ausschüttung von Substanzen, die Entzündungsreaktionen vermitteln und auslösen. Sie unterdrücken die Aktivierung und die Bereitschaft zur Wanderung von weißen Blutkörperchen. Bei hochdosierter Gabe können Glukokortikoide zum Zelltod von weißen Blutkörperchen (Lymphozyten) führen und tragen so zur schnelleren Rückbildung frischer Entzündungsherde bei. Sie bewirken damit ein rascheres Abklingen des Schubes. Eine Auswirkung auf die Gesamtprognose ist dabei aber bislang nicht belegt.

Glucokortikoide kommen bei der Multiple n Sklerose zum Einsatz bei einer akuten schubförmigen Verschlechterung. In der Regel erfolgt eine hochdosierte intravenöse Gabe von jeweils 500-1000 mg Methylprednisolon oder Prednisolon für 3-5 Tage. Anschließend kann das Medikament in absteigender Dosierung über weitere 10 Tage als Tablette gegeben werden, hierbei handelt es sich um eine Einzelfallentscheidung. Probatorisch können Glukokortikoide als Stoß-Therapie auch bei primär oder sekundär chronisch-progredienten Verläufen der Multiple n Sklerose eingesetzt werden. Eine Indikation für eine Langzeit-Behandlung mit Glukokortikoiden gibt es bei der Multiple n Sklerose aber nicht. Hohe Dosen der Medikamente werden kurzzeitig in der Regel gut vertragen, schon niedrige Dosen über einen längeren Zeitraum bringen aber die typischen Nebenwirkungen der Medikamentengruppe.

 

Schub-Prophylaxe bei Multipler Sklerose  

 

Interferon-Beta

 

Auf dem Markt sind Interferon-Beta-1b (Betaferon®) sowie Interferon-Beta-1a (Rebif®, Avonex®) verfügbar. Die Medikamente wirken immunmodulierend, das heißt, sie greifen verändernd in die Körperabwehr, das Immunsystem, ein. Sie sollten zum Einsatz kommen bei Patienten mit schubförmigen Krankheitsverläufen mit mindestens 2 Schüben während eines Zeitraumes von 2 Jahren. Die Patienten sollten gehfähig sein. Nach den Studienergebnissen der letzten Jahre ist der Einsatz auch schon nach dem ersten erkennbaren Schub bei Vorliegen der McDonald-Kriterien (s. www.sklerose-multiple.de) zu diskutieren. Studien konnten zeigen, dass sich die Zeit bis zum Auftreten eines zweiten Schubes signifikant verlängern ließ.

 

Betaferon® und Rebif® sind auch zugelassen für sekundär chronisch-progrediente Verlaufsformen. Für primär chronisch-progrediente Verlaufsformen ist die Behandlung mit Beta-Interferonen nicht zugelassen.

 

Initial treten bei Einsatz des Interferon-beta häufig grippeähnliche Symptome auf, die nur bei einem kleinen Teil der Patienten bestehen bleiben. Zu den meist vorübergehenden Nebenwirkungen gehören auch vermehrte Ermüdbarkeit, Kopfschmerzen, allgemeines Krankheitsgefühl und Muskelschmerzen. Diese Nebenwirkungen treten meist 4-12 Stunden nach der Injektion auf und können durch die Gabe von sogenannten nichtsteroidalen Antiphlogistika (z. B. Ibuprofen oder Paracetamol) deutlich gemildert werden. Entzündungen an der Einstichstelle kommen vor allem bei Verabreichung unter der Haut (subkutan) vor. Es ist darauf zu achten, dass an der Nadel beim Einstich kein Tropfen des Interferon-beta hängt. Bei 1-3% der Anwender kam es unter Interferon-Beta-1B sogar zu schwereren lokalen Hautveränderungen. Zur Verbesserung der Verträglichkeit wird das kurze Auflegen einer Kühlpackung vor und nach der Injektion sowie ein Anwärmen der Injektionslösung auf die Körpertemperatur empfohlen. Außerdem ist auf korrekte Injektionstechnik zu achten. Hierzu wird von den Herstellerfirmen reichhaltiges Informationsmaterial geliefert.

Auf das Auftreten depressiver Symptome unter Behandlung mit Beta-Interferonen muss besonders geachtet werden. Eine spastische Tonuserhöhung der Extremitäten kann nach der Injektion vorübergehend jeweils zunehmen. Auch sind Kontrollen des Blutbildes nötig, da es zu einer Verminderung der Zahl der weißen Blutzellen kommen kann, zu einer sogenannten Leukopenie.   

 

Die Dauer bis zur vollen Wirksamkeit der Interferone beträgt etwa 6 bis 8 Wochen. 

 

Copolymer-1 (Glatiramerazetat, Copaxone®)

 

Das Medikament wurde bereits in den 70er Jahren entwickelt und ist seit 2001 als Copaxone® auf dem Markt. Zugelassen ist es für die schubförmige Verlaufsform der Multiplen Sklerose. Die Wirksamkeit scheint dabei nach den vorliegenden Studien der der beta-Interferone zu entsprechen.

Durch eine Blockade von Bindungsstellen für basisches Myelinprotein (MBP) können spezifische Entzündungszellen (T-Zellen), die gegen MBP gerichtet sind, nicht aktiviert werde. Das Medikament wird unter die Haut (subkutan) injiziert. Es kommt im Verlauf zu einer Abnahme der Schubhäufigkeit.  

Nebenwirkungen von Copolymer-1 können lokale Reaktionen an der Einstichstelle sein. Gelegentlich treten dramatisch erscheinende „systemische Postinjektionsreaktionen“ auf, mit Luftnot und Herzrasen. Diese hielten zwischen 30 Sekunden und 30 Minuten an und klangen in allen Fällen ohne Folge ab. Maximal 7 derartiger Zustände wurden bei einzelnen Patienten beschrieben. 

 

Als Dauer bis zur vollen Wirksamkeit des Copaxone®  wird ein Zeitraum von 8 bis 12 Wochen angenommen.
 

Mitoxantron (Ralenova®)

 

Bei schweren Multiple Sklerose -Verläufen ohne ausreichenden Therapieerfolg bei sekundär chronisch-progredientem Verlauf ist der Einsatz von Mitoxantron seit Ende 2002 in Deutschland zugelassen. Es wird alle drei Monate intravenös eingesetzt in einer Dosis von 12 mg/ m2 Körperoberfläche. Das Hauptproblem des Medikamentes liegt in seiner schädigenden Wirkung auf die Herzmuskulatur, die deutlich ansteigt, wenn eine Gesamtdosis von etwa 100 mg/m2 Körperoberfläche überschritten wird. Deshalb sind echokardiographische Kontrollen (Ultraschall des Herzens) vor Therapie -Beginn und dann jährlich während der Behandlung notwendig. Zugelassen ist die Behandlung bis zu einer Gesamtdosis von 100 mg/ m2, im Einzelfall kann durch den behandelnden Arzt unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung und gleichzeitiger Überwachung der Herzfunktion die maximale über die Zeit eingesetzte Gesamtdosis auf maximal 140 mg/m2 gegeben werden. Als weitere Nebenwirkungen können unter anderem Übelkeit und Erbrechen sowie vermehrte Infekte und Blutbildveränderungen auftreten.   

 

Natalizumab (Tysabri®)

Die Europäische Zulassungsbehörde (EMEA) hat das Natalizumab im Juni 2006 zur Behandlung der hochaktiven, schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose zugelassen. Das Medikament wird bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Beta-Interferon-Therapie oder bei Patienten mit rasch fortschreitender schubförmig verlaufender MS eingesetzt, um eine Verzögerung des Fortschreitens der Behinderungen und Verringerung der Schubhäufigkeit zu erreichen.

Bei Natalizumab handelt es sich um einen sogenannten monoklonalen Antikörper. Antikörper sind Bestandteile, Eiweißkörper des Immunsystems. Sie sind ganz speziell gegen bestimmte Eiweißstrukturen gerichtet. Dieser Antikörper, Natalizumab ist gegen a4-Integrin gerichtet. Er verhindert das Andocken von Zellen des Immunsystems, von Lymphozyten, an die und damit auch Überschreiten der Blut-Hirn-Schranke. Dadurch soll die Bildung neuer Entzündungsherde im zentralen Nervensystem, dem Gehirn und dem Rückenmark verhindert werden.

In Untersuchungen zeigte Natalizumab eine Minderung der Schubrate, eine Reduktion des Fortschreitens der Behinderung und der Entzündungsaktivität in der Kernspintomographie.

Die Verträglichkeit der Substanz insgesamt wird als gut eingeschätzt, schwerwiegende Nebenwirkungen traten in der Therapiestudie, bei der Natalizumab alleine eingesetzt wurde, nicht auf. Allerdings kam es in bislang 2 Fällen von MS-Patienten, die neben der Natalizumab-Therapie Avonex
® erhielten, zum Auftreten einer so genannten progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML), einer virusbedingten Erkrankung des Gehirns, die zum Tode führt. Ein weiterer Fall war bei einem Patienten mit einer chronisch entzündlichen Erkrankung des Darms, des Morbus Crohn, festgestellt worden. Deshalb war die Zulassung des Medikaments vorübergehend zurückgezogen worden. Da über 3000 Patienten mit Natalizumab in Studien behandelt wurden, nur bei den genannten drei Personen die PML auftrat, wird von einer Häufigkeit von 1:1000 bei einer mittleren Behandlungszeit von knapp 18 Monaten ausgegangen.

Natalizumab ist jetzt für die Monotherapie zugelassen. Es darf also nicht in Kombination mit anderen immunmodulierenden oder immunsuppressiven Medikamenten gegeben werden. Auch Patienten mit bösartigen Tumoren sowie immungeschwächte Personen dürfen Natalizumab nicht erhalten. Nach Gabe von Mitoxantron, Azathioprin oder Cyclophosphamid sollte eine gewisse Wartezeit eingehalten werden, damit sich das Immunsystem erholen kann, derzeit wird eine Wartezeit von 3 Monaten empfohlen. Die Zulassung besteht für Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit einem Interferon-beta-Präparat oder Glatirameracetat oder für unbehandelte Patienten mit einer rasch fortschreitenden schubförmigen Verlaufsform mit mindestens zwei schweren Schüben pro Jahr. Natalizumab wird einmal monatlich über eine Infusion verabreicht. 

 

Therapie - Multiple Sklerose: Andere Medikamente zur Schubprophylaxe  

 

Intravenös zu verabreichende Immunglobuline werden derzeit auf ihre Wirksamkeit bei Multiple r Sklerose untersucht, die bisherigen Untersuchungen weisen auf eine Verminderung der Schubrate und des Auftretens neuer Herde in der Kernspintomographie (MRT). Zugelassen sind sie bei der Multiple n Sklerose aber bislang nicht.  

 

Azathioprin (Imurek®) wurde seit Ende der 60er Jahre bei Multiple r Sklerose eingesetzt. Es kommt zu einer Verringerung der Schübe, wahrscheinlich geringer als bei Interferonen. Patienten, die mit Azathioprin ausreichend eingestellt sind und eine ausreichende Schubprophylaxe dadurch haben, müssen nicht auf Interferon umgestellt werden. Regelmäßige Kontrollen von Differentialblutbild und Leberwerten sind notwendig, zunächst wöchentlich, später monatlich. Zielwerte sind bei Azathioprin Lymphozyten zwischen 600 und 1200/mm3 bzw. Leukozyten unter 3500/ mm3. Die Azathioprin- Therapie wird zunächst mit einer Standarddosis von 2,5 mg/kg Körpergewicht begonnen, wobei die Tagesdosis in 2 oder 3 Einzeldosen eingenommen wird.

Grundsätzlich besteht unter Azathioprin ein leicht erhöhtes Risiko für die Entstehung von Tumoren. Eine kürzlich publizierte Langzeitbeobachtung an Patienten mit Multiple Sklerose konnte zeigen, dass selbst nach 10-jähriger Therapie mit Azathioprin das Tumorrisiko aber nicht signifikant gegenüber der Normalbevölkerung erhöht ist. Während der Gabe von Azathioprin muss aber eine sichere Verhütung gewährleistet sein!  

 

Methotrexat kann 1x/Woche gegeben als relativ gut verträgliche Therapie bei sekundär chronisch-progredienter Multipler Sklerose angesehen werden. Dies kann nur in Einzelfallentscheidung erfolgen, eine Zulassung existiert dafür derzeit nicht.

 

Fingolimod (FTY720) ist eine Substanz, die sich noch in der Studienphase befindet. Interessant ist dabei, dass eine Aufnahme als Tablette oder Kapsel möglich ist. Durch die Substanz werden S1P-Rezeptoren (Sphingolipid-1-Phosphat-Rezeptoren) auf T-Lymphozyten moduliert. Diese sind notwendig, damit die aktivierten T-Lymphozyten Lymphknoten verlassen können. Bei der Passage von Lymphknoten werden sie dort zurückgehalten. 281 Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose wurden in der europäisch-kanadischen Studie untersucht. Innerhalb von sechs Monaten erlitten in der Placebo-Gruppe 34% der Patienten einen Krankheitsschub, in der mit Fingolimod behandelten Gruppe 24% der Patienten. Der Therapieeffekt war anhand monatlich durchgeführter Magnetresonanz-Tomographie-Untersuchungen (MRT) beurteilt worden. In den Behandlungsgruppen war die Zahl der Kontrastmittel anreichernden Herde im Vergleich zu der Placebogruppe signifikant vermindert. Eine weitere große Studie wird derzeit durchgeführt. Sie trägt den Namen „FREEDOMS“ für „FTY720 Research Evaluating Effects of Daily Oral Therapy in Multiple Sclerosis“. Etwa 2000 Patienten werden hieran weltweit teilnehmen. In einer amerikanischen Studie wird die Wirksamkeit von Fingolimod gegenüber Interferon beta-1a verglichen. Nach den Studien werden die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Substanz besser beurteilbar sein. 

 

Eine ausführliche Darstellung der aktuellen Therapieempfehlungen der Multiple Sklerose Therapie Konsensusgruppe (MSTKG) vom September 2006 zur immunmodulatorischen Stufentherapie können Sie von der Internet-Seite der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft herunterladen: http://www.dmsg.de/dokumentearchiv/immunmodulatorische_stufentherapie_stand_september_2006.pdf

Multiple Sklerose: Symptomatische medikamentöse Therapie  

 

Obwohl die Multiple Sklerose in etwa 30% ohne wesentliche Behinderung der Patienten auch nach Jahrzehnten abläuft, treten bei ca. 30-40% der Patienten klinisch relevante Behinderungen wie schwere motorische Ausfälle, Ataxie und Spastik sowie Blasenentleerungsstörungen auf. Diese Symptome sind teilweise durch medikamentöse Behandlung zu bessern.  

 

Therapie - Spastische Tonuserhöhung

 

Eine unwillkürliche vermehrte Anspannung der Muskulatur ist Ausdruck einer Spastik. Diese Steifigkeit kann die Beweglichkeit der betroffenen Muskeln erheblich beeinträchtigen. Ist sie sehr ausgeprägt, kann auch die Pflege des schwer betroffenen Patienten dadurch behindert werden. An den Armen führt die Spastik meist zu einer Beugung, an den Beinen meist zu einer Streckung.  

Medikament der ersten Wahl ist Baclofen (z.B. Lioresal®). Typischerweise wird mit 2-3 x 5 mg als Tagesdosis begonnen. Es kann stufenweise bis zu einer Tagesdosis von ca. 80 mg gesteigert. Die individuelle Höchstdosis richtet sich nach Nebenwirkungen und Effekt an der spastisch gestörten Extremität. Zu beachten ist, dass es bei schwerer betroffenen Patienten durch die Abnahme der Spastik zu einer Zunahme der funktionellen Schwäche kommen kann mit daraus resultierender Verschlechterung beispielsweise der Steh- oder Gehfähigkeit, hierauf ist gezielt zu achten.  

 

Ebenso kann Tizanidin (z.B. Sirdalud®) eingesetzt werden, beginnend mit 2 mg zur Nacht. Hier ist die blutdrucksenkende Wirkung des Medikamentes zu beachten! Auch hierunter kann es zu einer Zunahme von Schwächen kommen!  

Behindert eine spastische Tonuserhöhung bestimmte umschriebene Funktionen, kann ergänzend der gezielte Einsatz von Botulinum-Toxin erwogen werden. Beispielsweise kann bei entsprechender Störung die Injektion des Toxins in den Wadenmuskel zu einer nachhaltigen Verbesserung des Gangbildes mit physiologischerem Abrollen führen. Botulinum-Toxin ist ein Gift, das zu einer Zerstörung der Kontaktstelle von Nerv zum Muskel, in den es injiziert wurde, führt. Dadurch wird der Muskel gezielt geschwächt. Der spastische Zug wird dadurch gemindert. Nach etwa einem Vierteljahr bildet sich die Kontaktstelle wieder neu, so dass die Wirkung des Medikaments verschwindet und die Injektion zu wiederholen ist.  

Ist eine ausreichende Minderung insbesondere einer Spastik im Bereich beider Beine (Paraspastik) nicht möglich, ist die Gabe von Baclofen über eine Medikamentenpumpe in das Nervenwasser (intrathekal) zu diskutieren. Bevor die Pumpe implantiert wird, wird eine Testdosis von 40-80 µg in den Nervenwasserkanal im Lendenwirbelbereich gegeben, wobei innerhalb von wenigen Stunden der Effekt zu beobachten und anhand einer definierten Skala (Ashworth-Skala) zu beurteilen ist. 

 

Therapie - Kleinhirn-Störungen

 

Ataxie (Störungen der Zielbewegungen) und Intentionstremor (Zittern bei Zielbewegungen) gehören zu den mit am stärksten behindernden Symptomen für Patienten mit Multiple r Sklerose. Es gibt mehrere symptomatische Therapie -Maßnahmen, deren Nutzen für den einzelnen Patienten nur im Rahmen eines Therapie -Versuchs ermittelt werden kann. Ingesamt ist der Einfluss durch Medikamente auf die Ataxie oder Tremor aber meist enttäuschend. Gute Effekte erbrachte dagegen die Tiefenhirnstimulation. Es werden stereotaktisch Stimulationselektroden im Thalamus implantiert. 

 

Therapie - Schmerzen und sensible Missempfindungen

 

Typische akute Schmerzsyndrome sind die Trigeminusneuralgie (kurzdauernde heftig einschießende Schmerzen im Gesichtsbereich) und plötzlich auftretende brennende Schmerzen in den Extremitäten. Therapie -Versuche sind diesbezüglich mit membranstabilisierenden Medikamenten, die auch bei der Epilepsie eingesetzt werden, wie Carbamazepin (z.B. Tegretal®), Gabapentin (z.B. Neurontin®) oder Pregabalin (Lyrica®) sinnvoll. Des weiteren kommen vor allem bestimmte Antidepressiva gewinnbringend zum Einsatz, vornehmlich Amitriptylin (z.B. Saroten®). Ziel ist es dabei nicht, über die depressionslösende Wirkung einen Effekt zu erreichen. Antidepressiva wie Amitriptylin stärken die Wirksamkeit körpereigener schmerzhemmender Systeme, unabhängig vom eventuellen Vorliegen einer Depression.

 

Schmerzen können aber auch als indirekte Folge der Multiplen Sklerose auftreten. So kann es zu Gelenk-, Rücken- und Muskelschmerzen kommen als Folge der Fehlhaltung bei Bewegungsstörungen. Auch kann die spastische Tonuserhöhung zu Schmerzen der Muskulatur führen. Immer muss versucht werden, die Schmerzursache zu ermitteln und gezielt zu behandeln. In therapeutischer Hinsicht ist in der Regel bei diesen Schmerzarten die Krankengymnastik die zentrale Behandlungsform. Lokale Wärme oder Elektrotherapie zur Lockerung der Muskulatur sind oft sinnvoll. Ist die Spastik das führende Problem, welches zu den Schmerzen führt, sind die oben bei dieser Thematik beschriebenen Medikamente einzusetzen. Bei Gelenk- und Rückenschmerzen können zudem Schmerzmittel wie beispielsweise Diclofenac (z.B. Voltaren®) oder Ibuprofen notwendig sein. Welches Schmerzmittel notwendig ist, im Einzelfall bis hin zum Opioid, muss aber mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden. Muskelrelaxantien, also Medikamente, die die Muskelanspannung reduzieren, können gegebenenfalls ebenfalls indiziert sein wie z.B. Flupirtin (z.B. Katadolon®).

 

Natürlich sind auch die sonst in der Schmerztherapie zur Verfügung stehenden Maßnahmen wie Entspannungstechniken (Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson) u. a. sinnvoll und müssen mit genutzt werden.

 

Therapie - Blasenstörungen und Sexualfunktionsstörungen

 

Typische Beschwerden von Multiple Sklerose -Patienten mit Blasenstörungen sind plötzlich auftretender Harndrang, Dranginkontinenz oder auch die verzögerte Blasenentleerung und Harnverhalt.  

Vor einer Medikation ist eine Restharnsonographie, eventuell auch eine urologische Untersuchung notwendig. Liegt der Restharn unter 100 ml, bestehen aber eine sehr häufige Blasenentleerung oder Inkontinenz, können Medikamente eingesetzt werden, die den Blasenverschluss verstärken oder den Blasenmuskel (Detrusor), der für die Austreibung des Urins verantwortlich ist, schwächen, wie Tolterodin (Detrusitol®) oder auch Imipramin. Liegen ein vermehrter Restharn und eine Koordinationsstörung von Verschluss-Muskel und Blasenmuskel vor, eine sogenannte Sphinkter-detrusor-Dysynergie, kann Phenoxybenzamin (Dibenzyran®) eingesetzt werden.  

 

In einigen Fällen mit schwerer Blasenstörung und insbesondere chronisch erhöhtem Restharnvolumen ist eine externe Harnableitung notwendig, z. B. über einen Blasenkatheter. Dieser kann kurzfristig durch die Harnröhre oder zur längerfristigen Anlage durch die Bauchdecke (suprapubischer Dauerkatheter) eingebracht werden. Besser ist aber bei Patienten, die eine volle Funktionsfähigkeit ihrer Arme besitzen, die mehrfach tägliche Selbstkatheterisierung.  

Einfache Harnwegsinfekte können ohne Resistenzbestimmung mit einem Breitbandantibiotikum wie Cotrimoxazol behandelt werden. Bei rezidivierenden Harnwegsinfekten ist eine antibiotische Behandlung nach Resistenzbestimmung anzustreben. Die Ansäuerung des Harns durch Methionin (z.B. Acimethin®, 3 x 1000 mg) oder Preiselbeerzubereitungen kann die Häufigkeit von Harnwegsinfekten vermindern. Weil diese Substanzen nicht verschreibungspflichtig sind, besteht keine Kostenübernahme-verpflichtung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die langfristige und prophylaktische Antibiotikagabe ist umstritten. Bei Nitrofurantoin ist zusätzlich noch das Risiko der Entwicklung einer Polyneuropathie zu berücksichtigen. 

Eine sexuelle Funktionsstörung bei Multiple Sklerose -Patienten kann auf verschiedenen Grundlagen beruhen. Dazu zählen sensible Störungen im Bereich der Genitalregion, die eine adäquate sensorische Stimulation verhindern, aber auch eine Unterbrechung der Reflexbögen, die z.B. die Erektion bewirken. Grundsätzlich sollte bei Patienten mit Potenzstörungen eine urologische Vorstellung erfolgen. In einer im Jahre 1999 abgeschlossenen Studie konnte bei männlichen Multiple Sklerose -Patienten mit Erektionsstörungen im Rahmen von Herden im Rückenmark in über 80% eine funktionell befriedigende Wirkung durch Sildenafil (Viagra®) in einer Dosis zwischen 25 und 100 mg erreicht werden.

 

Therapie - Fatigue (= allgemeine Schwäche)

 

Oft wird von Multiple Sklerose -Patienten eine allgemeine Schwäche, fehlende Ausdauer, Abgeschlagenheit und fehlende Belastbarkeit geschildert. Es wird geschätzt, dass 75 bis 90% aller MS-Patienten unter dieser Symptomatik leiden. Die Beschwerden werden meist erst auf spezielle Nachfrage angegeben. Von 10 bis 20% der Patienten wird die Fatigue als schlimmstes Symptom benannt.

 

Die Beschwerden sind vor der Annahme einer Fatigue gegenüber einem depressiven Syndrom abzugrenzen, da dies eine andere Behandlung erfordert.

  

Seit langem bewährt ist bei der Fatigue Amantadin (z.B. PK-Merz®), z.B. in einer Dosis von morgens und mittags je 100 mg. Mehrere Studien stützen den Einsatz des Medikamentes bei Multiple r Sklerose.

Der Einsatz von 4-Aminopyridin und 3,4-Diaminopyridin ist dagegen wegen der Nebenwirkungen weiterhin umstritten. Modafinil (Vigil®) zeigte sich in einer Studie als wirksam. Zugelassen ist Modafinil aber in dieser Indikation nicht. 

 

Therapie - Depressive Störungen

 

Oft werden depressive Störungen beobachtet. Je nach Schwere und Ursache der Störung kann eine medikamentöse Behandlung notwendig werden. Heute gibt es ein breites Spektrum an Antidepressiva. Bevorzugt wird behandelt mit einem nicht sedierenden Antidepressivum, z.B. einem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (z.B. Sertralin, Citalopram).

 

Therapie – Kühlwesten

 

Wie auf der Seite www.sklerose-multiple.de beschrieben ist das Uhthoff-Phänomen häufig bei Patienten mit einer Multiplen Sklerose zu beobachten. Es beruht auf einer Wärmeintoleranz, durch Wärme kommt es zu einer Verschlechterung von Symptomen, zu verstärkter Schwäche und Erschöpfbarkeit. Dies kann in der warmen Jahreszeit zu erheblichen Einschränkungen führen. In verschiedenen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass z.B. durch Kühlwesten eine Stabilisierung und Funktionsverbesserung erreicht werden können. Deshalb stellen solche Hilfsmittel eine Erweiterung des Therapiespektrums für MS-Patienten dar, die unter erhöhter Wärmeempfindlichkeit leiden. In einer Stellungnahme der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG, www.dmsg.de), deren vollständigen Text sie hier herunterladen können, wird ausgeführt: „diese Kühlungsmaßnahmen leicht durchführbar, nebenwirkungsfrei und relativ kostengünstig (der Listenpreis beträgt derzeit für eine Kühlweste € 175,-, für den Nackenumschlag € 29,95 und für das Nacken-/Stirnband € 13,95). Von diesen medizinisch sinnvollen Kühlprodukten, die von einer Firma mit Sitz in Deutschland vertrieben werden, sind die von einer unseriösen Organisation („MSI“) versprochenen, hochpreisigen (angeblich mehr als € 800,-) und nicht verfügbaren „Kühlaggregate“ mit aufwändiger Kühlapparatur abzugrenzen, deren Einsatz nicht empfohlen werden kann“.
 

Wenn Sie weitere Informationen zur Multiplen Sklerose erhalten möchten,
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www.sklerose-multiple.de/Diagnostik

Zur Rehabilitation: www.sklerose-multiple.de/Rehabilitation

 

Mit den besten Wünschen, insbesondere für Ihre Gesundheit  

Dr. med. Carsten Schröter

Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
Arzt für Neurologie
Physikalische Medizin, Rehabilitationswesen

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und
Links für Patienten und Interessierte –
von Amyotrophe Lateralsklerose bis zur Therapie der spastischen Spinalparalyse -
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